[10 Fragen an…] Horus Odenthal

Heute darf ich Euch anlässlich der Blogtour Horus Odenthal vorstellen.

Sein Buch Ninragon 1: Die standhafte Feste  ist gerade im Finale für den Deutschen Phantastikpreis. Einen Link zum Abstimmen findet ihr weiter unten im Interview 😉

Wer ist Horus Odenthal?
Ich bin (wenn man die Region nicht ganz so eng fasst) im Rheinland geboren und lebe noch immer dort, obwohl ich auch eine starke Verbindung zum Südwesten der USA habe, besonders Kalifornien und Arizona. Ich war schon sehr oft und regelmäßig da, Freunde von mir wohnen dort, und ich habe einfach eine Leidenschaft für die Weite der Landschaft und überhaupt den Zauber dieser Region, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Ich liebe die Wüste.
Ich habe mir schon immer Geschichten ausgedacht, und habe das so bald ich konnte zu meiner Hauptbeschäftigung gemacht. Meine erste Karriere war die eines Comiczeichners und -Autors. Ich habe lange Zeit Comics gezeichnet und geschrieben, die hier in Europa und in den USA Comics veröffentlicht wurden. Einige wurden für Preise nominiert, einige Preise bekam ich dann auch, z.B. für „Schattenreich“ den ICOM Independent-Preis für das beste Comic des Jahres. Irgendwann habe ich aus einer inneren Notwendigkeit das Medium gewechselt und schreibe jetzt Romane.
Neben Büchern mag ich Musik und Filme, habe lange Zeit selber Musik gemacht, singe noch immer gern, wobei sich momentan meist mein Publikum auf meine Zwillingstöchter beschränkt, als Ergänzung ihrer musikalischen Geschmacksbildung. (Ihre Lieblingslieder sind: „I love Rock’n’Roll von Joan Jett die eine, die andere schwankt zwischen „Little Lionman“ von Mumford & Sons und „Jesse James“ in der Version von Springsteen. Gar nicht so schlecht für 5 Jahre, finde ich.)
Ansonsten engagiere ich mich neben meinem Schreiben und meinen Vaterfreuden für Qindie, das Qualitätslabel und Netzwerk für Independent-Autoren, weil ich das für eine Idee halte, die einfach fällig ist, um dem Autoren seinen alten Status und Selbstverständnis zurückzugeben. Autoren müssen wieder frei und künstlerisch selbstbestimmt agieren können. Dafür setze ich mich mit Qindie ein.

Was liest Du selber für Bücher?
Das hat immer wieder gewechselt. Oft war es stark durchwachsen und von keinem Gefühl einer Trennung von Genre und wie immer man die angebliche Nicht-Genre-Literatur oder „Hochliteratur“ sonst auch nennen will. In meiner Jugend habe ich viel Phantastisches, SF und Fantasy, gelesen, durchwachsen mit Sachen wie James Joyce, Alfred Döblin, Flaubert … Die Liste wäre zu lang, um sie hier aufzuführen. Aber was auch so herauskommt, ist, dass ich nie einen Unterschied gemacht habe zwischen dem, was Kulturapostel als Hochliteratur apostrophieren und dem, was für sie Genre und „Igitt“ ist. Tatsächlich weiß ich auch noch immer nicht, warum man da eine Grenze ziehen soll und wo der Unterschied liegt. Licht und Schatten gibt es in beiden Bereichen. Momentan lese ich hauptsächlich Phantastisches, weil das sich mit meinen Schreibinteressen deckt und es so viel zu lesen gibt, dass man einfach nicht alles verfolgen kann. Auch hier gibt es wieder eine Menge Leute, die ich mag. C.J. Cherryh, Richard Morgan, Iain Banks, die frühen Sachen von Dan Simmons, William Gibson, Sterling, Leigh Brackett, R. Scott Bakker, Joe Abercrombie … Die Liste ist endlos.
Zur Fantasy hat mich die neue Welle dieses Genres zurückgebracht, die man meist mit „gritty“ (was ich nicht treffend finde) umschreibt. Ich finde reifer und moralisch uneindeutiger, vielschichtiger, realistischer und solche Bezeichnungen nähern sich da eher an. Diese Sachen habe ich allerdings erst entdeckt, als ich schon mitten im Schreiben meiner eigenen Fantasy-Stories war. Dabei habe ich dann herausgefunden, dass ich nicht allein mit dem Versuch war, dem Genre, das ich einmal sehr gemocht hatte, neue Qualitäten abzugewinnen. Das waren dann Autoren wie R. Scott Bakker, Richard Morgan, Joe Abercrombie, Glen Cook, Steven Erikson, Paul Kearney und Konsorten.

Welches ist Dein Lieblingsbuch?
Das ist schwer. Ein Lieblingsbuch gibt es eigentlich nicht. Dazu gibt es zu viele Bücher. Außerdem ändert sich das ständig. Ich schreibe mal auf, was mir so in den Kopf kommt, ohne dass das irgendeinen Anspruch auf in Stein gemeißelte Gültigkeit hat: die Neuromancer-Trilogie von William Gibson, „Königliche Hoheit“ von Thomas Mann, „Das Unsterblichkeitsprogramm“ von Richard Morgan, „Imagica“ von Clive Barker, „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, „Der Weg nach Sinharat“ von Leigh Brackett, „Glastonbury Romance“ von John Cowper Powys … Und wenn ich die Liste lese, habe ich den Eindruck, dass ich die wesentlichen Sachen mal wieder vergessen habe. Und dass die meisten Leute, das Zeug, das ich da aufschriebe wahrscheinlich nicht kennen. Es fallen aber immer eigentlich bei dieser Frage die ungewöhnlichen Sachen ein. Und es sind eigentlich immer andere Bücher, Sätze, Passagen, die einen verzaubern. Wahrscheinlich muss man sagen, dass ich ein intensives Liebesverhältnis mit der ganzen Literatur habe und in diesem Bereich nicht zur Monogamie tauge.
Elmore Leonard habe ich vergessen. Ganz wichtig! Er ist eigentlich für Krimis und Thriller bekannt, von denen viele verfilmt wurden (Out of Sight, Schnappt Shorty, Be Cool etc.), aber mein Lieblingsbuch von ihm ist ein Western: „Gunsights“. Der ist so knapp, so lakonisch, so treffend, danach traut man sich eigentlich gar nicht mehr selber zu schreiben, so sehr hat Leonard mit einfachen Worten Charaktere, Stimmungen, Landschaften auf den Punkt gebracht.

Was machst Du, wenn Du nicht schreibst?
Viel Zeit mit meiner Familie verbringen, meiner Frau, meinen Töchtern. All die Sachen machen, die für den Aufbau von Qindie wichtig sind und zu denen ich da tauge; alles was gerade anliegt und allgemein die Fahne hochhalten. Lesen. Musik hören. Filme und vor allem – gute, und nur die richtig guten – Serien anschauen. Meine Lieblings-TV-Serien sind „Sons of Anarchy“, „The Shield“, „Breaking Bad“, „Deadwood“ etc. Auch hier ließe sich die Liste fortsetzen.

Wie kamst Du zum Schreiben?
Wie ich schon sagte: Geschichten erzählt habe ich eigentlich immer, nur eben über lange Zeit im Medium Comics. Ich habe aber daneben auch immer Literatur und Bücher geliebt, so dass es immer in mir der Reiz gärte, auch mal etwas ohne Bilder, nur mit Worten zu erzählen. Sprache nahm ohnehin immer einen wichtigen Raum in meinen Comics ein. Irgendwann kristallisierte sich als das nächste Projekt, dass ich gerne machen wollte, eine Geschichte heraus, von der mir beim Nachdenken immer klarer wurde, dass ich große Schwierigkeiten dabei haben würde, sie als Comic zu realisieren. Es war eine Science-Fiction-Geschichte, die sehr komplex und daher auch ziemlich lang werden sollte. Zum einen hätte ich ewig gebraucht (10, 15, 20 Jahre) sie als Comic zu realisieren, außerdem gab es ÜBERHAUPT keinen Markt für so etwas. Und als ich dann darüber nachdachte, bemerkte ich außerdem noch, dass ich es satt hatte, einen kleinen Teil meiner Zeit in das Ausdenken und Schreiben von Geschichten zu stecken und dann über einen ewigen Zeitraum im Zeichnen des Ganzen festzustecken, während in mir schon längst eine Unzahl neuer Geschichten wuchs.
Also habe ich mich hingesetzt und angefangen einen Roman zu schreiben. Daraus ist, im zweiten Anlauf und nach gründlicher Überarbeitung meiner ersten tastenden Versuche, „Hyperdrive – Mantikor erhabt sich“ entstanden.

Wo holst Du Deine Ideen her?
Von überall her. Motive, die durch andere Bücher angeregt wurden. Zum Beispiel weil ich sie interessant fand, sie aber nur angekratzt wurden. Bilder, die sich in deinem Geist festsetzen. Aus Songs, aus Filmen. Manchmal springt einen aus zwei, drei Songzeilen etwas an und nimmt als eine Figur Gestalt an. Schlechte Bücher, schlechte Filme, die aber genau einen Funken haben, der einen fragen lässt: Warum hat der Autor, der Drehbuchschreiber, Regisseur nicht genau dies und jenes gemacht? Das wäre doch interessant. Leute, denen du begegnest, die irgendetwas in sich tragen, das nach einer Geschichte schreit.
Aber vor allem die eigenen Geschichten. Irgendetwas bleibt immer aus einer abgeschlossenen Story übrig, ein Gedanke, eine Idee, die danach ruft, weiter verfolgt, weiter ausgeführt zu werden.

Wie kamst Du im speziellen auf die Idee zu Ninragon?
Am Anfang stand die Frage, wie ein Fantasy-Roman aussehen müsste, der mir gefiele, den ich gerne lesen, den ich gerne schreiben würde. Ich hatte über lange Zeit hinweg immer erste Seiten und Klappentexte gelesen und alles erschien mir abgestanden und lau. Schon wieder ein dunkler Herrscher. Oh, diesmal eine Herrscherin, wie originell … Ein Knabe der Prophezeiung. Was müssen sie denn diesmal finden, damit alles gut wird, Schwerter, Ringe, Butterbrotsdosen? Da gab es die edlen Recken, gute Könige, finstere Schurken. Alles, was es im richtigen Leben eigentlich nicht gibt. Und woran ich nicht glaube. Jeder trägt alles in sich. Wenn du dir noch einmal die Liste meiner Lieblings-TV-Serien anschaust, dürfte dir klar sein, warum die Fantasy der 90er und danach für mich nicht funktionierte und mir keinen Reiz bot.
Und dann stand da ganz plötzlich und unvermittelt die Anfangspassage von „Ninragon“ auf dem Papier. Als ich sie mir am nächsten Tag dann noch einmal anschaute, wusste ich, das war die Geschichte, die ich erzählen wollte.

Welche Figur von Ninragon liegt Dir besonders am Herzen? Und Warum?
Natürlich sind da zuallererst Auric und Darachel. Aber ganz ehrlich: Ich mag Jag. Aurics Landsmann und Kampfgefährten aus dem Norden. Genau wie Auric als Barbar abgestempelt, aber anders als Auric, der mehr will, der anderes will, der gespalten ist, lebt Jag das, was er ist und was er tut, aus ganzer Seele. Er ist ein „Junge vom Land“, der in die Stadt kommt und Slang spricht, der so gar nicht manieriert sondern gerade heraus ist. Jag höre ich jederzeit reden, ich höre seine Stimme, die Melodie seiner Sätze. Ein paar Worte, und ich weiß ich habe ihn getroffen; so redet er. Er lebt für mich. Fast ist es, als würde er beim Schreiben neben mir stehen.
Einige meiner Lieblingsdialogsätze stammen natürlich von Jag.

Was bedeutet für Dich der Phantastikpreis?
Die Nominierung für den Deutschen Phantastik Preis ist eine tolle Sache. Sie hat mich vollkommen überrascht und überwältigt. Dass ich als Inide-Autor (frei von einem Verlag) und mit einem eBook in die Hauptrunde komme, ist großartig. Für mich, als Bestätigung meines Schreibens, für mein Buch, das mein „Kind“ ist und das mir sehr am Herzen liegt, in das ich so viel Zeit, so viele Gefühle, so viel meiner Energie investiert habe, in dem so viel von mir drinsteckt. Es ist großartig, dass Leute das entdecken, würdigen und dem mit ihrer Stimme eine Nominierung als „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“ und „Beste Serie“ verschaffen. So viel von mir liegt in diesem Roman und das ist eine tolle Rückmeldung und ein tolles Geschenk meiner Leser.
Wichtiger finde ich aber noch das Zeichen, das damit gesetzt wird. Mit mir nominiert sind Bücher großer Verlage, die mit eine Riesenbudget in die Buchhandlungen und auf die „Bestsellertische“ gedrängt wurden. Eigentlich haben in den letzten Jahren immer die gleichen Namen und die gleichen Verlage abgeräumt. Vor allem immer wieder die „Publikumsverlage“. Das mein Buch jetzt dort steht, ohne Riesen-Marketing-Maschine veröffentlicht, von einem Indie, als eBook, ist ein Zeichen, das etwas beginnt sich zu verändern. Indies, freie, selbstbestimmte Autoren werden mit ihren Werken wahrgenommen. Das ist das wofür wir genau bei Qindie arbeiten, wofür wir uns einsetzen. Es gibt Qualität jenseits der von den Verlagen geschaffenen Trends, jenseits der schmalen Palette, dessen, was als kommerziell genug angesehen und bei Autoren in Auftrag gegeben wird, damit der Leser dann nur zwischen 50 Schattierungen von Rot oder Grün (oder Grau) entscheiden darf.
Der Wind dreht sich zugunsten dessen, was Autoren von sich heraus zu bieten haben, der Vielfalt dessen, was der Phantasie entspringen kann und was Leser als Lektüre genießen wollen.
Wenn Ninragon den Preis gewinnen würde, wäre das ein starkes Zeichen für einen großen, vielfältigen Buchmarkt, der von der Kreativität und der Phantasie bestimmt wird und nicht allein von Marketingkonzepten.
Wenn euch also „Ninragon“ ebenso gefällt und ihr diese Sache unterstützen wollt, stimmt ab. Ninragon braucht jede Stimme. Zur Abstimmung in der Hauptrunde geht es hier: http://dontapir.de/dpp/ Ich bedanke mich bei allen, die mein Buch so weit gebracht haben und bei allen, die noch ihre Stimme für mein Buch abgeben.

Was ist Dein nächstes Projekt?
Nach einigen dringend anliegenden Arbeiten und der Blogtour werfe ich mich auf die Zielgerade von „Homunkulus“. In gewissem Sinne ist es eine Fortsetzung der Ninragon-Trilogie, da es ein paar Jahre nach dem Ende von Ninragon spielt und viele Fragen beantwortet, was den Rest der Welt betrifft. Ninragon erzählt die Geschichte von Auric dem Schwarzen, aber in dieser Welt passieren umwälzende Veränderungen, die über die Geschichte dieses einen Menschen hinausgehen. „Homunkulus“ zeigt, was im Rest der Welt geschehen ist, nachdem bei der Geschichte von Auric dem Schwarzen die Klappe fällt.
Gleichzeitig ist die Geschichte diesmal aber auch ganz anders. Sie spielt in einer einzigen Stadt und ist nicht Epic Fantasy, gar nicht episch und großangelegt, sondern überschaubarer. Es ist eine Mischung zwischen einen Cop-Thriller, also einem harten Krimi um Polizeifeldzüge und Ermittlungen, und dem Fantasy-Hintergrund, wie man ihn schon aus Ninragon kennt. Auch dort kamen ja schon einige Organisationen vor, die der Polizei unserer Welt entsprechen, die Reichsgarde, die Miliz und nicht zuletzt der Geheimdienst der „Kutte“. Es geht um Intrigen der Nichtmenschen, Bandenkriege in einer besetzten Stadt und eine hartgesottene Milizionärin, die zwischen die Fronten gerät. Wer Ninragon mochte wird hier viele Stränge aufgegriffen finden und zugleich einen ganz neuen Teil dieser Welt entdecken können.

Horus, ich Danke Dir für die so ausführliche Beantwortung meiner Fragen. Ich drücke Dir die Daumen beim Phantastikpreis und bin schon ganz gespannt ob Du es auf den ersten Platz schaffen wirst.

Für meine Leser, mehr über Ninragon erfahrt ihr auf der Seite von Horus Odenthal: http://horus-w-odenthal.de/2.html.
Hier geht es zur Abstimmung des Deutschen Phantatstik Preis: http://dontapir.de/dpp/
und wer mehr über Qindie erfahren möchte kann sich hier informieren: http://www.qindie.de/

Hier geht es morgen weiter mit der Entstehungsgeschichte von Ninragon: Leona Watts

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